„Stip Visite“ zeigt Thüringen im Spannungsfeld von Natur, Geschichte und Gesellschaft
Ausstellung der Thüringer Landesstipendien eröffnet in der Kunsthalle Erfurt
Thüringens Kulturminister Christian Tischner erklärt vorab: „Die Stip Visite zeigt, wie stark zeitgenössische Kunst in Thüringen verwurzelt ist und zugleich über den konkreten Ort hinausweist. Susanna Hanna macht am Grünen Band sichtbar, wie Geschichte, Natur und Erinnerung ineinandergreifen. Elisabeth Oertel hört in ihrem 'Archiv der Probleme' genau hin: auf Sorgen und Hoffnungen der Menschen im Landkreis Greiz. Beide Künstlerinnen zeigen, dass Kunst nicht beschönigt, sondern Fragen stellt und Erfahrungen sichtbar macht – und damit unser gesellschaftliches Miteinander stärkt.“
Die Arbeiten von Susanna Hanna und Elisabeth Oertel eint die Auseinandersetzung mit lokalen und geografischen Besonderheiten Thüringens – und doch könnten ihre künstlerischen Ansätze unterschiedlicher kaum sein. Unter dem Titel „land in between“ widmet sich die in Erfurt lebende Malerin und Medienkünstlerin Susanna Hanna dem ehemaligen innerdeutschen Grenzgebiet. In einer medienübergreifenden Werkgruppe untersucht sie die Spuren, die Geschichte und Natur in der Landschaft entlang des Grünen Bandes hinterlassen haben. In großformatigen Landschaftsbildern präsentiert Susanna Hanna beispielsweise Relikte von Grenzanlagen, die sich die Natur heute zurückholt. In einer eindrücklichen Videoarbeit begibt sie sich auf die Suche nach dem zwischen 1961 und 1972 im Rahmen von Zwangsaussiedlungen leergezogenen und heute nicht mehr vorhandenen Ort Leitenhausen. Aufgrund der Jahrzehntelangen Abschottung vom Menschen konnte sich entlang des Grenzstreifens ein einzigartiges Biotop entwickeln, das die Künstlerin in flauschig-farbenfrohen Schmetterlingen und zarten Textilstickereien in der Ausstellung präsentiert. Susanna Hanna macht, das wird in der Ausstellung deutlich, das Unsichtbare sichtbar und zeigt, wie sich historische Ereignisse in Landschaft einschreiben. Dabei interessierten die Künstlerin besonders die überwucherten und teils versteckten Relikte. „Sie verweisen auf die Spuren der Vergangenheit und zeigen zugleich die regenerative Kraft der Natur“, erklärt die Künstlerin. „Während meiner Exkursionen habe ich die Grenzreste fotografiert. Im Atelier habe ich die Motive dazu in teils großformatige Gemälde übersetzt, die das zuweilen Unheimliche dieser Landschaften vergegenwärtigen.“
Elisabeth Oertel richtet in ihrem Projekt „Archiv der Probleme“ den Blick auf die Menschen in ihrer Heimat im Landkreis Greiz. Die Idee zum Projekt hatte die Bildhauerin als sie nach ihrer Reise mit dem Motorrad auf dem Landweg nach New York mit ihrer Familie wieder zurück nach Ostthüringen zog. „Ich habe nicht verstanden, warum die Menschen hier so unzufrieden scheinen, obwohl es ihnen augenscheinlich gut geht.“ Dem Widerspruch von Wohlstand und Unzufriedenheit wolle sie auf den Grund gehen, so die Künstlerin. Auf Grundlage von Gesprächen, Interviews und Fragebögen entwickelte sie für den Renaissancesaal der Kunsthalle Erfurt eine raumgreifende Installation aus Textfahnen, Teppichen und Objekten, in denen die Sorgen, Ängste und Hoffnungen der Bevölkerung sichtbar werden. „Wer den Raum betritt, muss sich zwangsläufig mit den dargestellten Perspektiven auseinandersetzen und reflektiert dadurch seine eigenen Positionen“, so die Künstlerin. Wie im Märchen von Frau Holle ‚regnen‘ beispielsweise bei einer Installation Probleme akustisch auf die Besucherinnen und Besucher nieder. „Die Probleme sind mal von ganz persönlicher, mal von weltumspannender Bedeutung. So unangenehm sie auch sind – Probleme verbinden auch und geben oft den Anstoß zu Austausch und Gemeinschaft“, erklärt die gebürtige Greizerin. Die Künstlerin zieht aus dem Projekt auch persönliche Schlüsse. Um das Archiv der Probleme aufzubauen und Aussagen zu sammeln, brachte sie sich in Vereinen und Initiativen in ihrem Heimatort ein. „Wenn wir Diversität wollen, müssen wir über unseren eigenen Schatten springen und Teil davon werden“, resümiert sie.
Das Begleitprogramm zur Ausstellung wurde in Kooperation mit der Stiftung Naturschutz Thüringen, den Kulturagent*innen Thüringen und der Literarischen Gesellschaft Thüringen erarbeitet. Neben einer Führung mit Susanna Hanna am Grünen Band, wird es eine Lesung mit der Harald-Gerlach-Stipendiatin von 2025 Ramona de Jesús und der Thüringer Literaturpreisträgerin Daniela Danz geben. Die Ausstellung ist bis 9. August in der Kunsthalle Erfurt zu sehen.
Zum Stipendium:
Das Thüringer Landesstipendium für Bildende Kunst wird seit 1997 von der Kulturstiftung Thüringen in Kooperation mit der SV SparkassenVersicherung vergeben und ermöglicht Künstlerinnen und Künstlern, ein Jahr lang intensiv an einem künstlerischen Vorhaben zu arbeiten. Die im Anschluss entstandenen Werke werden traditionell in der Ausstellung „StipVisite“ der Öffentlichkeit präsentiert. Insgesamt wurden bislang über 90 Künstlerinnen und Künstler gefördert.
Begleitprogramm
24. Juni, 18:30 Uhr, Vortrag zum Grünen Band
in Kooperation mit der Stiftung Naturschutz Thüringen
27. Juni, 11 Uhr, Exkursion zum Grünen Band mit der Künstlerin Susanna Hanna
in Kooperation mit der Stiftung Naturschutz Thüringen
30. Juni, 18:30 Uhr, Lyrik-Lesung mit der Harald-Gerlach-Stipendiatin 2025 Ramona de Jesús und der Lyrikerin Daniela Danz
in Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V.
29. Juli, 18 Uhr, Führung mit der Künstlerin Elisabeth Oertel
9. August, 16 Uhr, Führung mit der Künstlerin Susanna Hanna
Schulprojekte in Kooperation mit den Kulturagenten Thüringen
„Das Grüne Band. Erinnerungen und Erfahrungen filmisch umgesetzt“ durch Klassen 8 und 9 am Kathe-Kollwitz-GymnasiumKlassen 8 und 9. Präsentation der entstandenen Animationsfilme ab 26. Juni in der Kunsthalle Erfurt.
„Archiv der Probleme“. Ein Projekt der Klasse 7 an der Staatlichen Gemeinschaftsschule Elstertalschule Greiz.
Präsentation der entstandenen Arbeiten ab 30. Juni in der Stadtbibliothek Greiz sowie in der Kunsthalle Erfurt.
Führungen
Donnerstag – 19:00 Uhr: 2.7. / 30.7. / 6.8.
Sonntag – 12:30 Uhr: 28.6. / 19.7. / 9.8.
Mittwoch – 10:30 Uhr
Kunstpause: Mittwoch – 12:00 Uhr 24.6. / 1.7. / 15.7. / 5.8. / 12.8.
Kunst mit Baby / Känguruführung:
15.7., Angebot für junge Eltern und Menschen mit Babys bis zu 12 Monaten. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Teilnahme ist im Eintrittspreis inbegriffen.
Öffnungszeiten
Di bis So 11:00 bis 18:00 Uhr, Do 11:00 bis 22:00 Uhr
jeden 1. Dienstag im Monat Eintritt frei
Kontakt und weitere Informationen
Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7
99084 Erfurt
0361 655-5666
