Ruprecht von Kaufmann: Die Evakuierung des Himmels

21.01.2018 11:00 – 02.04.2018 18:00

Ruprecht von Kaufmann, 1974 in München geboren, gehört zu den jüngeren zeitgenössischen Malern, die bereits internationales Renommee besitzen. Mit seinen Bildern, die zumeist existenzielle Erfahrungen und die Wahrnehmung von Welt an sich thematisieren, führt er die figürlichen Traditionen kraftvoll ins 21. Jahrhundert.

Person sitzt auf Stuhl und hält Schirm vor sich
Ruprecht von Kaufmann: Das Versteck, 2010 Bild: © Ruprecht von Kaufmann
02.04.2018 18:00

Ruprecht von Kaufmann: Die Evakuierung des Himmels

Genre Ausstellung
Veranstalter Stadtverwaltung Erfurt, Kunsthalle
Veranstaltungsort Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 7, 99084 Erfurt

Die Ausstellung

Zirkusmanege mit Tiger, Feuerreifen und Artistin
Bild: Ruprecht von Kaufmann: The Taming of the Sphinx, 2013, Acryl und Öl auf Leinwand, 230 x 150 cm Bild: © Ruprecht von Kaufmann

Ruprecht von Kaufmann, 1974 in München geboren, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der jungen figurativen Malerei in Deutschland. Das zentrale Thema in Ruprecht von Kaufmanns kraftvollen und mutigen Bildern ist der Mensch. Anhand von Erzählungen wie Fabeln und Mythen versucht der Mensch sich selbst näher zu kommen. Diese Bezüge zur Literatur nutzt auch von Kaufmann und transformiert sie in eine aktuell elementare Fragestellung über die Zweifel des Menschseins.

Aus der altmeisterlichen Malerei hat von Kaufmann seine einzigartigen Ölbilder auf Linoleum-Paneele entwickelt. Das knapp acht Meter lange Gemälde "In the House", welches jüngst fertiggestellt wurde und eine zentrale Position in der Ausstellung in Erfurt beziehen wird, verdeutlicht Ruprecht von Kaufmanns filmische Erzählweise. Die fünf Linoleum-Paneele sind in verschiedene Bildausschnitte unterteilt und erzeugen beim Betrachter das Gefühl eines sogenannten "Jump cuts". Die dargestellten Szenerien sind bis zum Showdown wie ein Spannungsbogen aufgebaut.

Für die Ausstellung „Die Evakuierung des Himmels“ in der Kunsthalle Erfurt, hat Ruprecht von Kaufmann eigens die Auswahl der Werke und das kuratorische Konzept entwickelt, welches über die Resultate des Schaffens hinausgeht. Ein Teil der Ausstellungsfläche trägt die Überschrift "Inside the Studio" und zeigt anhand von Skizzen, Materialstudien und Artefakten, wie Ruprecht von Kaufmann im Atelier experimentiert und sich im Prozess herantastet, kapituliert und einen neuen Weg findet. Für den Besucher wird die Ausstellung somit erfahrbar und er gewinnt einen spannenden Blick in das Innenleben des Künstler: "Inside the Artist".

Eine Ausstellung des Erfurter Kunstvereins e. V. in Kooperation mit der Kunsthalle Erfurt.

Ruprecht von Kaufmann über seine Ausstellung

Video: Kunsthalle Kaufmann 2018 © Stadtverwaltung Erfurt

Der Künstler

Der seit 2003 in Berlin lebende Künstler Ruprecht von Kaufmann hat von 1995 bis 1997 Malerei am "Art Center College of Design" in Los Angeles studiert und anschließend als freischaffender Künstler in New York gearbeitet. Seine Werke sind in internationalen Sammlungen und Institutionen vertreten. Ruprecht von Kaufmann wird von den Galerien Thomas Fuchs (Stuttgart), Galerie Crone (Berlin/Wien) und Kristin Hjellegjerde Gallery (London) vertreten.

Noch bis zum 25. Februar 2018 kann man eine Auswahl seiner Arbeiten in der vielbeachteten Ausstellung "New Frontiers in Painting" in der Fondazione Stelline in Mailand sehen. Italiens einflussreichster Kurator, Kunsthistoriker und Kritiker Demetrio Paparoni hat Werke der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen Gegenständlichen Malerei Europas in einer Ausstellung versammelt.

Vom 12. Januar bis 10. Februar 2018 zeigt Ruprecht von Kaufmann in seiner Soloshow „Liederbuch“ neue Arbeiten in der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart.

Das Programm

Eröffnung

Samstag, 20. Januar, 19 Uhr.

Führungen

donnerstags, 8. Februar, 1. März und 22. März, jeweils 18 Uhr
sonntags, 4. Februar, 25. Februar, 11. März, 1. April, jeweils 11:15 Uhr

Künstlergespräch

Samstag, 3. März, 19 Uhr

Ruprecht von Kaufmann über sein Gemälde "State of the Art"

Video: Video Ruprecht von Kaufmann "State of the Art" © Stadtverwaltung Erfurt

Prof. Dr. Kai-Uwe Schierz über Ruprecht von Kaufmann

Sich schwindlig sehen

Die Malerei des Ruprecht von Kaufmann

von Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen Erfurt

Es gibt Kinofilme, die man mag, sogar abgöttisch verehrt, obwohl man sie nicht ganz versteht, gar nicht komplett verstehen kann. "Mullholland Drive" von David Lynch aus dem Jahr 2001 ist so ein Film. Figuren, Handlungen und Szenen darin wechseln fortlaufend, widersprechen sich und spiegeln einander, verändern unerwartet ihre Bedeutung, so dass es unmöglich scheint, einen Handlungsfaden vom Anfang bis zum Ende zu identifizieren, ihm zu folgen und schlussendlich zu wissen, worum es geht, selbst wenn man darin geübt ist, filmische Handlungsverläufe mit kompliziert ineinander verschachtelten Rückblenden zu durchschauen. In Bezug auf Lynch und seinen "Mullholland Drive" ist deshalb vom Gestaltungsmittel des „unzuverlässigen Erzählens“ geschrieben worden. Fest steht, dem Film fehlt der auktoriale Erzähler oder eine andere zuverlässige Figur, deren subjektive Zeugenschaft die Zuschauer von A bis Z durch die Handlungen führt. Er ist vielmehr collagenartig komponiert und bildet eine Einheit nur über seine nichtsprachlichen Elemente: Farben und Formen, Schatten und Licht, Töne und Tempi und die besondere, melancholische Stimmung, die über den verschiedenen Episoden und Figuren liegt. Obwohl dieses Werk

Verwirrung stiftet und rätselhaft bleibt, fesselt und begeistert es doch viele – mich eingeschlossen. Meine Neugier wird immer aufs Neue angetriggert; ein Sog an besonderen Eindrücken zieht mich hinein ins Geschehen, fesselt meine Aufmerksamkeit und entlässt mich schließlich energetisiert, mit aufgewühltem Puls. War das gerade ein Traum oder ein Film? Die Frage ist leicht und zugleich schwer zu entscheiden, denn natürlich saß ich und sah, verfolgte die Präsentation eines Kunstwerks und wies Bedeutungen zu, und doch ähnelt die Erzählweise dieses Kunstwerks unserem Traumgeschehen: instabil die Räume, immer mit Tendenz zur Verflüssigung, auch die Figuren in permanenter Verwandlung; sogartig die Bewegungen, überwältigend die Perspektiven, absurd ihre Logik. Und zugleich Tiefstes im Inneren der Psyche aufwühlend: gezähmtes und verdrängtes Begehren, überwunden geglaubte Ängste, wegargumentierte Zweifel. Man sieht sich gleichsam schwindelig an solchen Filmen und kann die irritierenden Eindrücke genießen, genüsslich die Dekonstruktion des eigenen Ich-Bewusstseins verfolgen, aufgehoben in der Gewissheit, es gibt ein Danach, einen letzten Perspektivenwechsel, der die Welt wieder verfestigt und vom Kopf auf die gewohnten Beine stellt. Man kann sogar die nachfolgende Reflexion darüber genießen, was denn wirklicher sei: die irritierenden Welten in uns oder die wohldosierten und geordneten Eindrücke, die unser Bewusstsein von der Welt da draußen empfängt und konstruiert?

Die oft großformatigen Bilder anzuschauen, die Ruprecht von Kaufmann malt, ähnelt für mein Empfinden dem Schauen eines Lynch-Filmes sehr. All die eben skizzierten ästhetischen Eindrücke lassen sich auch auf die Bildwelten des Wahlberliners, der in Los Angeles, unterhalb der Traumkulissen von Hollywood, studierte, beziehen – mit Abzug der konkreten Bewegung in der Zeit, die im statischen Gemälde nur angedeutet bleiben muss, beispielsweise über kippende Raumbegrenzungen oder starke perspektivische Verkürzungen. Man mag filmische Elemente in diesen Bildern entdecken oder solche aus unseren (Alp-)Träumen. Man kann den auktorialen Erzähler vermissen, der scheinbar alles weiß und kennt, seine Figuren und Handlungsverläufe ebenso wie die Reaktionen des Publikums, und sich stattdessen in komplex ineinander verschachtelten Räumen verirren. Oder man bemerkt die Präsenz eines Lichtes, das unwirklich scheint und von dem der Künstler sagt, es sei zwischen Tag und Nacht angesiedelt. Auch eine Vielzahl an historischen Bezügen lassen sich ausmachen: Das handelnde Personal in seinen Bildern hat von Kaufmann griechischen Mythen, christlicher Ikonografie, klassisch-modernen und zeitgenössischen Texten oder auch den Geschichten der Populärkultur entlehnt. Bei Velázquez fand er einen besonderen Schmelz der Farben und jenes silbern zwischen Tag und Nacht changierende Licht, in barocken Raumausmalungen erhaben wirkende Blickwinkel, ausgelöst durch extreme perspektivische Verkürzungen in der Darstellung von Körpern und bei Francis Bacon Torsionen, figürliche Abbreviaturen und andere Verformungen, deren Anblick innerlich Schmerz auszulösen vermag. Ruprecht von Kaufmann möchte die Betrachter seiner Bilder emotional in das gezeigte Geschehen verwickeln; er stimuliert ihre Empathie, ihr Mitfühlen mit dem, was nur gezeigt ist und in uns doch wie geschehen zu wirken imstande ist – vergleichbar dem Traumerleben. Er möchte uns involvieren, aber nicht belehren; er ist ein Geschichtenerzähler, doch bevorzugt unentwirrbare Rätsel, Vagheiten und Unabschließbares anstatt abgeschlossener Sätze mit Komma und Punkt. Er führt die Betrachter in abschüssige, sich scheinbar verflüssigende Räume, zieht das Taumeln dem eindeutigen Stehen vor, das Untertauchen dem Leuchtturmblick über das Geschehen hinweg.

Dominante Eindrücke, die während der Betrachtung seiner Bilder simultan wirken, resultieren aus der ins Monochrome tendierenden Farbigkeit ihres figurativen Bildvokabulars und dem besonderen Licht, das die gemalten Szenerien erhellt – manchmal kaum das Dunkel lichtend, mitunter das gezeigte Geschehen dramatisch akzentuierend; sie resultieren aus der komplexen Ausformung der Bildräumlichkeit zwischen Öffnungen und Flächen, Arabesken, Ornamenten und souverän modellierter Körperlichkeit von Tieren, Menschen und Fabelwesen, aus dem dynamischen Nonfinito in der Art, diese Figuration zeichnend/malend zu erzeugen, dem fließenden Übergang von malerisch spontaner Gestik zu biomorphen und architektonischen Zeichen, deren Verformung und Fragmentierung das eigene Wahrnehmungsvermögen stimuliert, anstatt es zu frustrieren, aus der in jedem Detail präsenten, reich entfalteten Malkultur und all den frappierenden Bildeinfällen, die nicht organisch, sondern collagenartig oder wie beim Filmschnitt entfaltet und aufeinander bezogen werden, schließlich aus den ungewöhnlichen Materialien (Filz, Gummi und Linoleum ergänzen die klassische Leinwand) und Formaten der Bildträger. Ruprecht von Kaufmann begreift – gleichsam in Weiterentwicklung der amerikanischen – die Oberfläche, das Format und die Kontur seiner Bilder als bedeutungsstiftende Elemente und gestaltet sie entsprechend.

Zweifelsohne: Die Kunst Ruprecht von Kaufmanns ist einzigartig im Kontext der aktuellen deutschen und europäischen Malerei – und zugleich auch dort verortet. Sie zeigt sich klassisch geschult und zugleich hochmodern. Doch was bedeutet das? Warum fühlen wir uns von diesen Bildern und ihren malerisch erzählten Welten angesprochen, innerlich berührt, obwohl sie uns doch irritieren, verwirren – also unserem vitalen Grundbedürfnis nach sicherer Orientierung nicht entsprechen? Von Kaufmanns Bilder laden uns Betrachter zur Identifikation mit dem gezeigten Geschehen ein, obwohl dieses nicht mehr nach den Regeln der klassischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung entwickelt wurde, klassischem Verständnis von Harmonie also nicht mehr entspricht. Trotz seines „unzuverlässigen“, traumgleichen Erzählstils und der Absurdität bestimmter Konstellationen – oder gerade deswegen – wirkt seine Kunst wie ein Spiegel auf uns. Denn sie zeigt uns als Individuen, die frei ihre subjektiven Perspektiven und Biografien entfalten können (von Soziologen als Wahlbiografien bezeichnet), dabei aber sozial höchst gefährdet sind, verletzlich, immer neu auf sich selbst zurückgeworfen, in einem existenziellen Sinn einsam. Georg Lukács hat das Phänomen bereits 1916 in seiner Schrift „Die Theorie des Romans“ in die prägnante Formulierung von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ der modernen bürgerlichen Subjekte gegossen. Anders als die alte Welt der griechischen Antike, die dem Menschen noch eine „urbildliche Heimat“ gewesen sei, gespiegelt in den „natürlichen“ Formen des griechischen Epos‘: homogen und „abgerundet“, sprenge die moderne Welt mit der ihr eigenen „Produktivität des Geistes“ jede Geschlossenheit auf. Sie werde unendlich groß und reicher an Geschenken und Gefahren, verliere aber ihre heimatliche Qualität. In ihr sei

die Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben, werde die Lebensimmanenz des Sinns zum Problem, sprich: Die Moderne stoße das menschliche Individuum in die Einsamkeit und Bedeutungsambivalenz der transzendentalen Obdachlosigkeit.

Nicht mehr und nicht weniger als diesen Befund spiegelt Ruprecht von Kaufmann in und mit seiner Kunst. Bereits James Joyce hat das geleistet, als er seinen epochemachenden „Ulysses“ entwarf, der 1927 erstmals erschien. Auch der „Ulysses“ bietet, obwohl im Titel und in zahlreichen Figuren und Szenen auf die klassische griechische Dichtung des Homer anspielend, keine homogene und abgerundete Struktur mehr, dafür große Freiheiten: in 18 Episoden 18 verschiedene Erzählperspektiven und -stile, um einen Tag im Leben des Individuums Leopold Bloom darzustellen, einschließlich der Nutzung von Slang und eines inneren Monologs ohne Punkt und Komma, um den Bewusstseinsstrom der Tagträume seiner Protagonistin Molly Bloom möglichst authentisch (nahe der Wirklichkeit) darzustellen. Auch Ruprecht von Kaufmann nutzt die verwirrenden Erzählmethoden unserer Träume, um die Innenwelten des modernen Individuums zu erkunden – in seiner ganzen transzendentalen Obdachlosigkeit. Den Himmel hat man längst evakuiert.

Malend kommt von Kaufmann unseren Imaginationen, Projektionen und Träumen so nahe wie der Film. Er kann das Fragmentierte und Fluktuierende der Traumbilder, ihren transitorischen Charakter, ebenso vergegenwärtigen wie die in ihnen verwurzelten Archetypen oder ihre absurde Logik, die Vexierspiele ihrer Echos und ihre fließende räumliche Struktur, die höchst instabil ist und sich oft genug ins Bodenlose öffnet. Dabei hat der Künstler nach eigenem Bekunden nie eigene Träume aufgezeichnet und in größere Bildzusammenhänge transferiert. Das surreale Konzept, das eigene Innenleben des Unbewussten nach außen zu kehren, es sichtbar zu machen, um auf diese Weise einen höheren Grad an Wirklichkeit in der Kunst zu erlangen, ist sein Anliegen nicht. Vielmehr bieten ihm die Methoden des visionären (unzuverlässigen) Erzählens und die Verfassung der Traumbilder zahlreiche Anhaltspunkte, um auf unser modernes Erleben anzuspielen, das aufwühlend und hypnotisch wirkt, intensiv und grotesk, freizügig und verunsichernd, desorientierend, doppelbödig, verstörend und grundsätzlich desillusionierend. Die großen, die homogenen und abgerundeten Erzählungen des Menschen über seine Existenz sind Geschichte. Ruprecht von Kaufmann beweist sich mit seiner Kunst als genialer Erzähler der neuen, zeitgemäßen Geschichten, die uns berühren und ins Mark treffen können, wenn wir bereit und offen genug sind, uns auf sie einzulassen.